Karriere bis zur Partnerschaft: Unsere neu ernannten Partnerinnen erzählen ihren Weg

Zum internationalen Frauentag haben wir mit zwei Frauen gesprochen, die zum neuen Jahr einen der größten Karriereschritte in der Kanzleiwelt gegangen sind: Elisabeth Macher, LL.M, Rechtsanwältin in der Praxisgruppe IP mit Fokus auf Technologie und Mobilität, und Ann-Kristin Lochmann, LL.M. Taxation, Steuerberaterin und Fachberaterin für Internationales Steuerrecht in der Praxisgruppe Tax, mit besonderer Erfahrung in der steuerlichen Transaktionsberatung und der steuerlichen Beratung im Startup- / Venture Capital-Kontext, sind dieses Jahr zur Partnerin ernannt worden. Im Interview erzählen die beiden, wie sie ihren Weg in die Wirtschaftskanzlei gefunden haben, welche Zweifel und Aha-Momente sie auf dem Weg zur Partnerschaft geprägt haben, vor welchen Herausforderungen Frauen ihrer Wahrnehmung nach in der Rechtsbranche noch heute stehen – und was sie jungen Kolleginnen raten, die ihre Karriere selbstbewusst gestalten wollen.


Liebe Eli, liebe Ann-Kristin, holt uns zum Einstieg einmal ab: Wie sieht euer Werdegang aus?

Ann-Kristin: Ich habe Wirtschafts- und Steuerrecht im Bachelor- und Masterstudium studiert und bin Ende 2010 bei einer Big Four im Bereich „Deals Tax“ gestartet. Es folgte das Steuerberaterexamen und meine Bestellung als Steuerberaterin, ein sechsmonatiges Secondment in den Niederlanden (Amsterdam) und die klassische Karriere in einer Big-Four-Gesellschaft bis zur Senior Managerin. Anfang 2020 bin ich dann in eine damals noch recht junge Wirtschaftskanzlei gewechselt, habe den Fachberater für Internationales Steuerrecht absolviert und wurde im Januar 2022 zum Associated Partner ernannt. Im Oktober 2023 folgte der Wechsel zu Osborne Clarke als Counsel.  

Eli: Bei mir lief es einigermaßen klassisch: Ich habe Jura in Göttingen studiert und in Berlin mein Referendariat gemacht. Dazwischen ging es für ein Jahr nach England für den LL.M. Witzigerweise in Criminal Law and Criminal Justice – mein fester Plan war, einmal zur Staatsanwaltschaft zu gehen. Entsprechend sahen auch die Stationen im Referendariat aus: Polizeipräsidium, Europol, Strafverteidiger-Boutique. Großkanzlei-Anwälte und Wirtschaftsrecht fand ich eher unsympathisch. Erst nach der mündlichen Prüfung dachte ich dann: Ich probiere das einfach mal aus. 2012 bin ich bei Cleary in Köln als Associate eingestiegen und im September 2020 dann als Counsel zu Osborne Clarke gewechselt.

War Partnerin in einer Großkanzlei von Anfang an der Plan? 

Ann-Kristin: In einer Kanzlei sicherlich nicht. Ich bin lange davon ausgegangen, dass ich in der Big Four „alt“ werde. Mit steigender Seniorität habe ich mich dort zwar zunehmend mit dem Thema Partnerschaft beschäftigt und auch Weichen dafür gestellt – etwa durch das Secondment –, aber bevor das wirklich konkret wurde, habe ich mich aus verschiedenen Gründen für den Wechsel entschieden. Einer davon war, dass ich mir eine Partnerschaft in einem Unternehmen dieser Größe nicht vorstellen konnte. Nach fast zehn Berufsjahren als Nicht-Volljuristin in eine Kanzlei zu wechseln, fühlte sich zunächst so an, als stünde alles wieder auf Null. Ich musste mich erst einfinden und verstehen, wie Karrierewege in einer Kanzlei funktionieren und welche (anderen) Anforderungen dort gelten. Nach einiger Zeit war für mich jedoch klar, dass ich den Weg in die Partnerschaft gehen möchte. 

Eli: Auf gar keinen Fall! Ich hielt noch recht lange an der Idee fest, nach ein paar Jahren Wirtschaftskanzlei zur Staatsanwaltschaft zu gehen. Und auch als endgültig klar war, dass ich doch in der Kanzleiwelt bleiben würde, hieß das für mich nicht automatisch Partnerschaft – zumal der Schritt in die Partnerschaft ja auch durchaus anspruchsvoll ist. Und die Counsel-Position bei Osborne Clarke fand ich durchaus attraktiv. 

Wenn du auf deinen bisherigen Weg zurückschaust: Gab es entscheidende Momente oder Personen, die zu deiner heutigen Position als Partnerin beigetragen haben? 

Ann-Kristin: Ich erinnere mich an einen prägenden Moment: Vor einigen Jahren gab es eine Phase, in der ich daran gezweifelt habe, ob ich den Weg zur Partnerin schaffen kann. In dieser Zeit habe ich begonnen, mich in einem gut etablierten Netzwerk zu engagieren und dabei u.a. bei der Organisation einer deutschlandweiten Jahrestagung unterstützt und vor Ort auch ein Panel moderiert. Es gab danach sehr gutes Feedback – und zwar von Personen, die ich ohne dieses Netzwerk wahrscheinlich nie kennengelernt hätte. Dass mich „Fremde“ so sehen und mir signalisieren, was ich kann, hat mir damals enormen Aufschwung und in gewisser Weise auch Selbstvertrauen (zurück) gegeben. Bei den Personen denke ich vor allem an viele Kolleginnen und Kollegen bei Osborne Clarke. Ich bin als erfahrene Counsel mit einem eher ungewöhnlichen Business Case von extern gekommen. Dass hier von Anfang an so viele an mich und meinen Business Case geglaubt und mich unterstützt haben, hat mir ermöglicht, schnell Fuß zu fassen und mich bei Osborne Clarke zu positionieren – sicherlich eine entscheidende Grundlage für den Schritt in die Partnerschaft.

Eli: Den Moment gab es tatsächlich: Osborne Clarke hatte ein mehrtägiges Seminar für Counsel auf Burg Hemmersbach veranstaltet, bei dem es viel um Führungsstile und Karrierestrategien ging. Dort wurde auch eine Art Persönlichkeitstest angeboten mit anschließender Auswertung und Counseling. Und in dem Rahmen sagte mir die Dozentin, sie sehe mich auf jeden Fall in der Partnerrolle und warum ich eigentlich daran zweifeln würde? Das hat mich zum ersten Mal dazu gebracht, mir diese Frage wirklich ernsthaft zu stellen. Und dabei habe ich festgestellt, dass es abseits der „üblichen“ Zweifel (bin ich gut genug, kann ich das überhaupt, will ich das eigentlich?) keinen guten Grund gab, das nicht anzustreben. Und natürlich gab es viele Personen, die da eine Rolle spielten. Allen voran der Partner, der mich zu Osborne Clarke geholt und von Anfang an unterstützt hat, aber auch so viele andere in der Kanzlei. Es ist einfach eine sehr coole und unterstützende Gemeinschaft, die wir hier haben. 

Wenn du auf deine ersten Berufsjahre zurückblickst: Was würdest Du heute genauso wieder machen – und was würdest du anders machen? 

Ann-Kristin: Ich würde wieder jede Möglichkeit zur Weiterentwicklung und zum Dazulernen nutzen, um mir eine möglichst breite fachliche Basis aufzubauen. Und ich würde auch erneut früh zeigen, dass ich bereit bin, Verantwortung im Team und gegenüber Mandanten zu übernehmen. Ob ich pauschal etwas anders machen würde, fällt mir schwer zu beurteilen. Sicherlich gibt es rückblickend aber Situationen, in denen ich hartnäckiger für meine Interessen hätte eintreten können, anstatt Dinge oder Entwicklungen einfach hinzunehmen. 

Eli: Ich glaube, das lief schon alles gar nicht so schlecht. Ich würde mich vielleicht mehr trauen – öfter mal direkt fragen, ob ich nicht beim Gespräch mit dem Mandanten dabei sein kann und solche Dinge. Und alles etwas gelassener sehen – auch wenn das natürlich gerade in den Anfangsjahren schwierig ist. 

Vor welchen Herausforderungen stehen Frauen in der Rechtsbranche deiner Beobachtung nach? 

Ann-Kristin: Es gibt leider immer noch Situationen, in denen man sein Gegenüber kennenlernt und spürt, dass eine Hemmschwelle da ist – allein, weil man (frau) eine Frau ist. Diese gilt es dann zu überwinden, indem man zunächst durch Leistung überzeugen muss, um auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass dies bei Männern deutlich seltener passiert; dort ist häufig von Beginn an „eine gute Basis“ vorhanden. Mir begegnen solche Situationen glücklicherweise nur noch selten, aber in meinen Berufsjahren gab es einige Situationen, über die ich mich heute noch ärgere, wenn ich daran zurückdenke.

Eli: Was Ann-Kristin sagt. Dazu gibt es ja auch genügend Studien, die belegen, dass man mit einem weiblichen Vornamen weniger ernst genommen oder für weniger kompetent gehalten wird. Mandanten haben auch schon versucht, mich Kaffee holen zu schicken. Gerade mein Sektor – die Automobilbranche – ist nach wie vor stark männlich dominiert. Aber es tut sich was, gerade bei den Jüngeren (Männern), die nachrücken. Und es gibt immer mehr Frauen in Schlüsselpositionen, auch bei den Mandanten. 

Thema Work-Life-Balance: Wie schaffst du eine nach deinem Verständnis stimmige Verteilung zwischen Karriere und Privatem? 

Ann-Kristin: Ich plane zweimal pro Woche feste Sporttermine für mein Training ein. Außerdem nutze ich die natürlichen Wellen des Projektgeschäfts: In intensiven Phasen arbeite ich mehr und privat tritt manches zurück, in ruhigeren Zeiten nehme ich mir dann mehr Zeit für mich.

Eli: Suggestivfrage! Natürlich ist es das große Ziel, diese Balance zu schaffen. Genauso klar ist aber auch, dass das nicht immer gelingt. Andererseits: In welchem Vollzeitjob gelingt das denn durchgängig? Wir verbringen nun mal einen Großteil unserer wachen Zeit unter der Woche mit Arbeit. Deshalb ist es umso wichtiger, dass diese Arbeit (meistens) Spaß macht und es menschlich gut passt. Trotzdem: Wie Ann-Kristin achte ich auch auf Ausgleich, insbesondere durch Sport (ich empfehle Kickboxen!), und ich nehme mir Pausen und Auszeiten von der Arbeit, wenn ich sie brauche. Da hilft auch, dass wir das Glück haben, relativ flexibel arbeiten zu können und uns Zeit für wichtige private Dinge nehmen zu können. 

Was hättest du gern schon als Berufseinsteigerin über Kanzleialltag und Karrierewege gewusst?

Eli: Dadurch, dass ich nie zur Großkanzlei wollte, habe ich auch im Studium oder Ref nicht schon mal reingeschnuppert, mir war diese Welt also völlig fremd. Am Anfang kann die schon einschüchternd sein: Alle haben so wahnsinnig viel drauf und treten unheimlich souverän auf. Und ja, das ist so. Aber was ich gern früher gewusst hätte: Auch die anderen (intern wie extern) kochen wirklich alle nur mit Wasser. Es hat einen Grund, dass du da bist, wo du bist (und nein, das war nicht nur alles Glück), und du wirst schneller auch an diesem Punkt sein, als du denkst. 

Was würdest du Berufsanfänger:innen, insb. jungen Kolleginnen, raten, um ihre Karriereziele zu erreichen? 

Ann-Kristin: Sucht euch früh eine Mentorin oder einen Mentor außerhalb eures direkten Teams, zu der oder dem ihr Vertrauen habt. Sprecht offen darüber, welche Ziele ihr habt und welche Unterstützung ihr braucht. Zeigt, dass man sich auf euch verlassen kann, dass ihr Verantwortung übernehmen wollt und bereit seid, auch mal die Extrameile zu gehen. Und: Vernetzt euch – in der Kanzlei und darüber hinaus.

Eli: Erstmal ist natürlich die Frage, was überhaupt die Karriereziele sind. Je genauer da schon eine Vorstellung besteht, desto besser – aber, wenn ich so meinen eigenen Werdegang ansehe: Es ist auch völlig okay, erstmal im Job und in dieser neuen Welt anzukommen und sich die Zeit zu geben, sich zu orientieren. Wenn man dann so weit ist, schließe ich mich Ann-Kristin an: Unterstützer sind das A und O. Ideal ist auch ein klares Alleinstellungsmerkmal. Ein Rechtsgebiet oder ein Wirtschaftszweig, mit dem sich sonst noch keiner befasst, so etwas. Damit alle direkt wissen: Das ist was, da fragst du die XY, dafür ist die die Expertin. 

Welche Weichen möchtest du in deinem Team zu Themen wie Teamführung, Nachwuchsförderung oder Kanzleikultur stellen? 

Ann-Kristin: Ich stehe für eine flache Hierarchie mit offener Kommunikation. Ich möchte mir bewusst Zeit nehmen, meine Erfahrungen mit jüngeren Teammitgliedern zu teilen und ihnen viele Möglichkeiten zur (Weiter-)Entwicklung zu geben. Ich wünsche mir einen engen Teamzusammenhalt und gegenseitige Unterstützung – und die beginnt bei mir: Ich bin da, wenn Teammitglieder mich brauchen. 

Eli: Wir sind ein Team. Das bedeutet für mich insbesondere offenen und ehrlichen Umgang miteinander. Wir machen im IP-Team viel Litigation. Unsere Arbeit profitiert davon, dass nicht jeder für sich überlegt und allein an einem Schriftsatz tüftelt, sondern dass man Gedanken und Argumentationen auch miteinander durchspielt und auf Schwachstellen abklopft, oder auch mal einfach wild unausgegorene Ideen zusammenwirft. Dafür muss aber die Atmosphäre stimmen. Ganz wichtig ist für mich auch, dass mit Fehlern offen umgegangen wird und niemand versucht oder versuchen muss, Fehler zu vertuschen – dadurch werden sie ja in schöner Regelmäßigkeit nur schlimmer. Voraussetzung dafür ist wiederum, dass man offen miteinander umgeht und dass in letzter Instanz auch klar ist: die Fehler des Teams sind meine Fehler als Partnerin und ich stehe dafür gerade. Am wichtigsten aber: Ich habe mir vorgenommen, meiner Verantwortung für Kanzlei und Team gerecht zu werden und wieder für mehr Feierabend-Kölsch zu sorgen!